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Die Entwicklung der Schüler der deutschen Gruppe während der Projektwoche
1. Entwicklung von Kenntnissen und Fähigkeiten bei den Kultur- und Sportaktivitäten:
In erster Linie hat jeder Jugendliche gelernt, Arbeitsanweisungen, Aufträge oder Informationen in Englisch zu verstehen und gezielt nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Sie haben gelernt, sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Redemitteln erfolgreich auszudrücken und alle ihre Sprachen, also Muttersprache, Deutsch, Englisch aber auch ihre Körpersprache zur Kommunikation zu nutzen. Einige meiner Schüler hatten anfangs Angst vor der Sprachhürde und wollten deshalb nicht mitfahren. Nach der Woche in Luxemburg bestätigten mir die Schüler aber, dass sie gelernt haben, sich auszudrücken und dass sie überrascht davon waren, wie bemüht jeder ist, den anderen zu verstehen.
In den Workshops lernten die Jugendlichen, sich tänzerisch auszudrücken und ihre Scham zu überwinden. Außerdem lernten sie andere Stilarten des Tanzes kennen, wie klassischer Tanz, lateinamerikanischer Tanz oder Jazzdance. So waren meine Schüler vor der Woche ausschließlich gewohnt, Hip Hop oder Breakdance zu tanzen und fanden alles andere „uncool“. Nach der Woche mit dem ausgezeichneten Tanzlehrer wussten sie, dass ihnen eine ganze Welt anderer Musik zur Verfügung steht, um ihre Gefühle und Stimmungen auszudrücken. Ich werde diese Erfahrungen auch für meinen Unterricht nutzen und die Schüler an neue Tanzstile heranführen. Außerdem möchte einer meiner Schüler gerne Tanzlehrer werden und konnte so erfahren, welche Voraussetzungen er braucht und welche Wege ihm als Asylbewerber in Europa mit entsprechender Motivation und Fleiß offen stehen.
Auch der Gesangsworkshop entsprach nicht den Gewohnheiten meiner Schüler und zwang sie behutsam, neue Wege zu gehen. Wir singen immer moderne Lieder, das eingeübte Lied im Workshop zeigte den Schülern, wie man mehrstimmig und sauber singt, ohne auf die gängigen CD-Versionen zurückzugreifen und dass ein Lied durchaus gestaltet werden kann.
Der Workshop im Malen und Gestalten mit verschiedenen Materialien war ebenfalls eine Herausforderung, da nur in Zusammenarbeit ein ansprechendes Ergebnis erreicht werden konnte. Für mich war es neu, aus den drei Grundfarben alle möglichen anderen Farben herzustellen und selbst eine geeignete Maltechnik zu finden. Meine Schüler lernten, aus Material, das sie üblicherweise zum Abfall rechneten, neue Welten entstehen zu lassen und aus weichen Materialien wie Stoff oder Papier plastische Gegenstände herzustellen, die auch Haltungen, Einstellungen und Vorstellungen symbolisierten.
Absolut unerfahren gingen meine Schüler in den Workshop für szenisches Gestalten. Sie haben gelernt, sich ohne Worte, nur mit Körpersprache, auszudrücken und Inhalte und Gefühle so natürlich darzustellen, dass der Zuschauer davon ergriffen wird. Sie haben auch gelernt, dass Theater auch ohne Bühnenbild und viele Requisiten funktioniert. Außerdem haben sie erfahren, sich in eine Rolle hineinzudenken, sie aktiv zu kreieren und sich mit ihr zu identifizieren, was ihre Empfindsamkeit für die Andersartigkeit von Menschen gesteigert hat. Ausdruck für diese erhöhte Sensibilität und Toleranz war die Harmonie, mit der die Jugendlichen miteinander umgingen und wie offen sie – auch die männlichen Teilnehmer – ihre Gefühle beim Abschied zeigten. Außerdem waren sie beim Schauspielen gezwungen, ihre Bewegungen und ihre Körperhaltung zu beobachten, zu kontrollieren und zu korrigieren und Kritik zu akzeptieren. Einige der Jugendlichen hatten sich überschätzt und geglaubt, es wäre einfach. Sie mussten erfahren, dass auch eine scheinbar einfache Sache erst gelernt werden muss und sie sich die Anerkennung erarbeiten müssen. Das wird ihnen bei einem Bewerbungsgespräch oder bei einer Vorstellung vor fremden Menschen helfen.
Die sportlichen Aktivitäten waren für alle Teilnehmer neu, weil hier Techniken zur Beherrschung der Geräte aber auch für die Sicherheit trainiert wurden. Die Schüler waren gezwungen, genau zuzuhören und zu beobachten, um ernsthafte Verletzungen zu vermeiden. So lernten sie beim Mountainbiking Fahr- und Bremstechniken, aber auch Sicherheitsequipment wie Helme zu benutzen. Beim Klettern an der Kletterwand lernten die Teilnehmer vor allem Sicherungstechniken. Einige Mädchen mussten erfahren, dass genaues Zuhören und Beobachten elementar ist. Beispielsweise banden sie den Sicherungsgurt wie jeden Modegürtel tief unterhalb der Hüften, so aber durften sie nicht klettern und merkten vor allem in der Höhe, dass ein richtig geschnürter Gurt ihr Leben rettet. Sie lernten auch Sicherungsknoten zu binden und die Sicherungsratsche richtig zu bedienen. Sie kontrollierten sich dann auch gegenseitig. Dem Kletternden forderte es ein gut Maß Vertrauen in den Sichernden ab, denn von ihm hing letztlich seine
Unversehrtheit ab. Auch ich musste lernen, voll auf die gerade erlernten Fähigkeiten meiner Schüler zu vertrauen und ihnen die Verantwortung in die Hände zu geben. Eine meiner Schülerinnen litt unter Höhenangst und traute sich nicht, die Wand zu erklimmen. Aber nach gutem Zureden wagte sie es sich und merkte, dass sie zu einer Leistung in der Lage ist, die sie immer abgelehnt hatte.
Da uns die Turnhalle jederzeit zur Verfügung stand, tanzten und spielten die Jugendlichen sehr oft miteinander. Bei einem Volleyballturnier lernten sie, mit starken und mit schwächeren Spielern rücksichtsvoll um den Sieg zu kämpfen. Sie mussten auch ihre Vorurteile gegen äußerlich schwach erscheinende Spieler revidieren, lernten also, andere erst kennen zu lernen, bevor sie sich ein Urteil bilden. Diese größere Toleranz zeigt sich jetzt auch im Unterricht, wo die Schüler gelassener mit Fehlern anderer umgehen.
Generell haben sich die Teilnehmer in dieser Woche spürbar entwickelt: Sie haben sich Wissen angeeignet, Fähigkeiten erarbeitet und viele neue Erfahrungen gesammelt. Sie haben ihren Horizont erweitert, gelernt, konstruktiv und kreativ zusammenzuarbeiten und Hürden zu überwinden und ihren erlernten Fähigkeiten zu vertrauen. Einige haben in dieser Woche verborgene Talente in sich entdeckt, andere konnten ihre Fähigkeiten rasant erweitern.
2. Entwicklung des Verständnisses von der Diversität der europäischen Kulturen und 3. Interaktion und Austausch der verschiedenen Kulturen und Mentalitäten.
(Ich fasse diese beiden Punkte zusammen, da das Verständnis anderer Kulturen immer mit Austausch und Interaktion verbunden war.) Die Teilnehmer der deutschen Gruppe wohnen alle in der nahen Umgebung oder in Westerkappeln, einer Kleinstadt westlich von Osnabrück, etwa 50 Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt. Außer einer Schülerin sind allerdings alle woanders geboren worden: acht Teilnehmer stammen aus Russland bzw. Kasachstan, ein Teilnehmer aus Serbien-Montenegro und die zwei Gruppenleiter aus der ehemaligen DDR. Damit sind die Teilnehmer an verschiedene Kulturen gewöhnt, sie kennen außerdem noch Polen und Briten in ihrer Umgebung. Neu waren für sie die Kulturen aus Luxemburg, Ungarn, Slowenien, Portugal, Italien, Spanien und von den Kapverden. Das schließt ein, dass sie erkannten, dass es bestimmte europäische Sprachfamilien gibt, innerhalb derer man sich verständigen kann, weil sich die Sprachen ähneln. So erkannte mein Schüler aus Serbien-
Montenegro, dass er sich in seiner Muttersprache mit den Sloweniern verständigen konnte und nutzte diese Möglichkeit, da sein Englisch nicht so gut ist. Meine Schüler aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion verstanden einige Worte aus dem Ungarischen und Slowenischen. Das durchbrach die Sprechhemmungen und die Schüler merkten, dass sie gar nicht so weit voneinander entfernt sind, wie sie anfänglich befürchteten. Meine Schüler fühlten sich sehr wohl unter den anderen Teilnehmern, da sie nicht als „ausländisch“ hervorstachen.
Die Teilnehmer der deutschen Gruppe haben zum Teil ihren Heimatort - außer bei Klassenfahrten – noch nie verlassen (können) und haben Europa als Chance kennen gelernt. Sie können sich mit ihren Sprachen verständigen und das wirft ein anderes Bild auf ihre beruflichen Perspektiven. Sie wurden so angenommen und gemocht, wie sie sind, das hat ihnen Selbstvertrauen und Mut gegeben, über eine Zukunft in einem anderen europäischen Land zumindest ansatzweise nachzudenken.
Sie lernten außerdem die Leiter der Workshops als kompetente Lehrer respektieren und mögen, die ebenfalls einer anderen Nationalität als Luxemburg angehören.
Letztlich gab Luxemburg selbst mit seinem hohen Anteil an Immigranten ein exzellentes Beispiel für die Integration verschiedener Kulturen und Sprachen, was wir in der ganzen Woche erleben durften. So zeigten verschiedene Immigrantengruppen in Luxemburg ihre Traditionen, erzählten von ihrer Heimat und welche Perspektiven sie in Luxemburg haben und wie sie sich integriert haben. Die Teilnehmer durften selbst die Lieder und Tänze anderer Kulturen erlernen, was sie begeistert taten. Dabei verzichteten sie auf egoistisches oder dünkelhaftes Verhalten, sondern übernahmen immer auch den dabei entstehenden Frohsinn und animierten andere, dabei mitzumachen, weil sie gelernt hatten, dass nur so ein erfolgreiches Projekterlebnis entstehen kann.
Manche Eigenheiten in der Mentalität anderer Nationalitäten sind meinen Teilnehmern aber auch aufgefallen, besonders anfangs. So äußerten sie Befürchtungen über die Ehrlichkeit oder Beschwerden über die Unordnung und Unpünktlichkeit der Teilnehmer, mit denen sie gemeinsam ein Zimmer bewohnten. Doch sie schafften es schnell, sich damit zu arrangieren, Kleinigkeiten nicht so wichtig zu nehmen und den Gemeinsinn an die erste Stelle zu setzen. Eigenheiten in ihrer Mentalität haben sie in der Gemeinschaft untergeordnet ohne ihren Nationalstolz aufzugeben und haben dadurch das Projekt bereichert.
4. Entwicklung der Motivation bei Gruppenaufgaben und Gruppenaktivitäten
Vor der Fahrt waren nicht alle Schüler motiviert, daran teilzunehmen, da sie befürchteten, wegen ihrer schwachen Englischkenntnisse nicht ausreichend zu verstehen oder gar mit jemandem sprechen zu können und somit an den Rand der Gruppenaktivitäten gedrängt zu werden. Bei den meisten Schülern hat der sportliche Anreiz und die Möglichkeit, sich tänzerisch zu entwickeln, den Ausschlag gegeben mit zu kommen. Bereits am zweiten Tag in Luxemburg, nach der Stadtralley durch die Hauptstadt, waren alle Schüler körperlich zwar strapaziert, hatten aber erfolgreich Kontakt geknüpft. Da sie ausschließlich gemeinsam mit den „Fremden“ ihre Aufgaben zu bewältigen hatten, war ein Erfolg nur in Zusammenarbeit und allseitiger Bereitschaft zur Kommunikation möglich. Dieses Erfolgserlebnis hatte jeder meiner Teilnehmer empfunden und auch diejenigen mit Heimweh begannen, nach vorn zu schauen und Mut zu schöpfen.
Die Workshops am dritten Tag erforderten von den Teilnehmern, dass sie ihre Scheu und Angst ablegten, was ihnen gut gelang. Das lag daran, dass sie in den Workshops nichts falsch machen konnten, solange sie aktiv daran teilnahmen, denn die Leiter der Workshops gingen sehr offen und behutsam mit den Teilnehmern um. Dass alle zunächst lernen mussten, gab Sicherheit. Außerdem waren die Aufgaben so offen gestellt, dass jeder seine Vorstellungen und seine Persönlichkeit mit einbringen konnte.
Bei den Sportaktivitäten konnten die Teilnehmer unserer Gruppe ihre Stärken einsetzen, denn sie sind alle sportbegeistert. Auch die Auswahl der Sportarten war sehr motivierend, da sie für uns alle neu waren und zum Ausprobieren anreizten.
Besonders stark motivierend waren die Discoveranstaltungen, da in unserer Heimatgegend kaum Discos für Jugendliche angeboten werden, aber besonders die Mädchen ausgesprochen gern tanzen. So nutzten sie das Angebot ausgiebig, was den Kontakt unter allen Jugendlichen noch intensivierte.
Grundsätzlich entwickelte sich die Bereitschaft an den Aktivitäten teilzunehmen umso mehr, je enger der Kontakt wurde und je stärker die Erfolgserlebnisse der Jugendlichen waren. Am Ende der Fahrt wäre jeder gern geblieben, alle Schüler empfanden Dankbarkeit und lobten die außerordentlich gute Organisation. Viele Schüler äußerten sich über veränderte Lebenseinstellungen und Ansichten, neue Ziele und Perspektiven und ein verändertes Gefühlsleben. Somit war das ganze Projekt für die Jugendlichen wirklich stark motivierend.

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